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Gefängnisse und Gefängnissausbrüche.

6. Juni 2011 Keine Kommentare

Als die Wutbürger in Stuttgart gegen einen etwas teuren, möglicherweise auch zu groß geratenen aber zumindest schick aussehenden, unterirdischen Bahnhof auf die Straße gingen, sind die Bewegungsfreunde hier und da freudig auf den Zug aufgesprungen. Denn wenn sogar im beschaulichen Süden die Trillerpfeifen ausgepackt werden, lauter Spätzleköche und Winzer von der (offensichtlich auch wütenden) Polizei verprügelt werden, dann ist Revolution in Deutschland anscheinend doch möglich.

An anderer Stelle entdeckte man das Lob der Institutionen, der Institutionalisierung, von repräsentativer Demokratie und Vermittlung. Der Mob werde so zurückgehalten, das Individuum vor ihm geschützt, Konflikte nicht in (unmittelbarer) Gewalt ausgetragen sondern stets vermittelt. Wahlen, Diskussionsrunden, Schlichtungs- und Gerichtsverfahren – wir kennen das. Da mag auch durchaus was dran sein, ich will schließlich nicht wissen, wie es einigen Menschen in ihrer Ehe, in Mügeln oder anderswo gehen würde, wäre da nicht die Vermittlung durch den Staat, seine Institutionen (ja, manchmal auch die Polizei) und seine (halbwegs) repräsentativen Vertretungsinstanzen.

Dass Formen der Vermittlung, wie sie heute stattfinden, ihrer urplötzlichen Abschaffung also durchaus vorzuziehen sind – geschenkt, d’accord und rightyright. Jedoch: Zwar wünscht sich niemand einen Massenausbruch aus einem Gefängnis und die darauf folgende gemeinsame Party von Hooligans, Nazis, Totschlägern und Vergewaltigern in der Nachbarschaft – aus dieser Ablehnung des Gefängnisausbruchs nun aber ein Lob des Gefängnisses zu machen, ist ein schwer nachvollziehbarer Akt. Das Gefängnis nämlich trägt nicht unwesentlich zur Verrohung seiner eigenen Insassen bei. Menschen einzusperren, sie dadurch übel zuzurichten, um dann diese Zurichtung als Argument für eine weitere Inhaftierung zu gebrauchen, ist schlichtweg verrückt.

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Hässlich und schön…

22. Dezember 2010 1 Kommentar

… waren die wohl mit am meisten strapazierten Worte bei der Wertmüller-Veranstaltung des BgA im GWZ am 21. Dezember. Justus Wertmüller, Redakteur der bahamas, war geladen und es kamen circa 100 Menschen.

Zur weiteren Austragung des Streits um die Weigerung des Conne Islands, Wertmüller bei ihnen auftreten zu lassen, kam es nicht. Dafür soll das in etwa einem Monat stattfinden, veranstaltet von der Redaktion bahamas und der AG No Tears for Krauts.

Dafür gab es einiges richtiges – aber nicht neues – und einiges unsinniges auf die Ohren. Neben der richtigen Feststellung, dass es selbsternannte Antirassisten gäbe, die selbst identifizieren und stempeln hat sich Wertmüller vor allem in eigenen Widersprüchen verstrickt. Er fand unsinnig, dass man sich heute als radikale Linke noch an Helmut Kohl aufhängt und hat gleichzeitig eine Linke kritisiert, von der er selbst nicht merkt, dass diese beinahe so weit entfernt ist wie Kohl. Er findet Offshore-Windräder fortschrittsfeindlich aber Stuttgart 21 nicht. Er scheint also Naturschutz gut und Umweltschutz schlecht zu finden. Dass in Berlin viel Stuck verloren gegangen ist, findet er barbarisch. Was er wohl von der – wie ein Bekannter sagte – größten Ent-Stuckung der Geschichte – nämlich die der alliierten Landschaftsplaner in Dresden – hält, das wäre eine nette Frage.

Der erwähnte Vorwurf an einige Antirassisten wirkt etwas unglaubwürdig, wenn Wertmüller selbst entsubjektiviert und Burkaverschleierte als Pinguine bezeichnet. Überhaupt hielt sich die Polemik in Grenzen – aber wirklich gewirkt hat auch das bisschen Rest davon auch nicht. Alles ist bekannt, alles soll effekterheischend sein – ist es aber nicht mehr.

Wertmüller ist gefangen in einer Hassliebe zum Gegenstand seiner Kritik. Er braucht diesen Gegenstand, und wenn er ihn nicht hat, muss er ihn erfinden. Da werden mögliche Motive unterstellt, aber nicht belegt. Die Stuttgart 21 Gegner kontextualisiert er beispielsweise mit den antisemitischen Wahnvorstellungen der jüdisch-terroristischen Anschlägen mittels des Baus von U-Bahnen.

Was die Pappkameraden-umhau-Show angeht darf man aber sicher vor allem gespannt sein auf die Veranstaltung in einem Monat.