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Gefängnisse und Gefängnissausbrüche.

Als die Wutbürger in Stuttgart gegen einen etwas teuren, möglicherweise auch zu groß geratenen aber zumindest schick aussehenden, unterirdischen Bahnhof auf die Straße gingen, sind die Bewegungsfreunde hier und da freudig auf den Zug aufgesprungen. Denn wenn sogar im beschaulichen Süden die Trillerpfeifen ausgepackt werden, lauter Spätzleköche und Winzer von der (offensichtlich auch wütenden) Polizei verprügelt werden, dann ist Revolution in Deutschland anscheinend doch möglich.

An anderer Stelle entdeckte man das Lob der Institutionen, der Institutionalisierung, von repräsentativer Demokratie und Vermittlung. Der Mob werde so zurückgehalten, das Individuum vor ihm geschützt, Konflikte nicht in (unmittelbarer) Gewalt ausgetragen sondern stets vermittelt. Wahlen, Diskussionsrunden, Schlichtungs- und Gerichtsverfahren – wir kennen das. Da mag auch durchaus was dran sein, ich will schließlich nicht wissen, wie es einigen Menschen in ihrer Ehe, in Mügeln oder anderswo gehen würde, wäre da nicht die Vermittlung durch den Staat, seine Institutionen (ja, manchmal auch die Polizei) und seine (halbwegs) repräsentativen Vertretungsinstanzen.

Dass Formen der Vermittlung, wie sie heute stattfinden, ihrer urplötzlichen Abschaffung also durchaus vorzuziehen sind – geschenkt, d’accord und rightyright. Jedoch: Zwar wünscht sich niemand einen Massenausbruch aus einem Gefängnis und die darauf folgende gemeinsame Party von Hooligans, Nazis, Totschlägern und Vergewaltigern in der Nachbarschaft – aus dieser Ablehnung des Gefängnisausbruchs nun aber ein Lob des Gefängnisses zu machen, ist ein schwer nachvollziehbarer Akt. Das Gefängnis nämlich trägt nicht unwesentlich zur Verrohung seiner eigenen Insassen bei. Menschen einzusperren, sie dadurch übel zuzurichten, um dann diese Zurichtung als Argument für eine weitere Inhaftierung zu gebrauchen, ist schlichtweg verrückt.

Ähnlich die Wirkung der Vermittlungsprozesse: Die Vermittlung produziert die eigentlich zu vermittelnde Gegenkraft zu Teilen selbst. Dort wo sinnvolle Prinzipien wie Unschuldsvermutung und Beweisnotwendigkeit an die Instanzen des Rechtsstaates wegdelegiert werden, wo Politik hauptsächlich in den Parlamenten und der Tagesschau stattfindet, wo der Totschlag nicht aufgrund von Empathie und vernünftiger Einsicht unterbleibt, sondern wegen möglicher negativer Sanktionierung nicht stattfindet, kurzum: dort, wo maßgebliche Kompetenzen, Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten abgeschoben (und damit: dem Individuum aus der Hand gerissen) werden, entwickeln sich entsprechende Gegenkräfte, fehlen genau diese Kompetenzen usw.

In der parlamentarischen Demokratie jedenfalls läuft’s (und zwar gegenseitig) genau so. Die einen Denken: Politik ist Sache von Politikern. Und die politische Klasse will wiedergewählt werden, macht das Spielchen mit, begreift sich selbst als Dienstleister des Bürgerwillens, als Expertendienst, als Servicekraft für schwer erziehbare (Polit-)Konsumenten. Beide, jeweils auf die Vernunft der anderen vertrauend, sind dann zuweilen sehr irritiert. Die unpolitischen Bürger, wenn die Politiker mal wieder die Wahlversprechen, ohne die die Bürger sie nie gewählt hätten, nicht halten und die Politiker, wenn sie das machen, wofür sie gewählt sind und was sie seit Jahren (Stuttgart21!) ankündigen.

Die stattfindende Vermittlung ist keine unmittelbare Vermittlung zwischen Positionen und Personen, sondern immer ein vermitteln lassen. Dieses Auseinanderdriften von Vermittlern (und damit auch: des zu Vermittelnden) und den Rezipienten der Vermittlung macht quasi eine Vermittlung der Vermittlung notwendig. Das, was da in weit entfernte Sphären dirigiert wird, muss wiederum vermittelt werden, damit das Unverständnis und die Abwehr (also die Gegenkraft zur Vermittlung) nicht zu groß wird. Das nennt man dann politische Bildung, und für nichts anderes sind Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) da. Vermittlung neutralisiert den Mob also nicht, sondern versucht ihn von den Schalthebeln fernzuhalten. Dieses Unterfangen kann nur temporär wirksam sein, und zwar solange, wie die Vermittlung der Vermittlung halbwegs funktioniert. Diese stößt jedoch immer an ihre Grenzen, wenn der bürgerliche Interpretationsspielraum nicht mehr funktioniert (so in akuten Krisensituationen).

Ein weiteres Problem tritt hinzu: Die Vorzüge der Vermittlung bestehen hauptsächlich aus Delegation der strittigen Punkte auf Spielfelder mit sehr bestimmten Regeln (die Repräsentanten prügeln sich nicht) und der Durchsetzungsprozess wird verlangsamt (das bringen der Delegationsprozess selbst und die ihm folgenden weiteren Delegationsprozesse mit sich). Das mag in vielen Fällen nett sein (siehe oben), ist es aber keineswegs grundsätzlich angenehm. Solange wir nämlich in einer Gesellschaft voller vermeidbarer Leiden (die nicht individuell verschuldet sind) leben, meint die Verlangsamung von politischen Prozessen auch immer die Entschleunigung nicht nur negativer sondern auch positiver Entwicklungen, also auch der Leidensverminderung. Die gelobte Vermittlung beschützt nicht nur vor Gewaltexzessen, sondern trägt durch verlangsamte Abschaffung des Leidens zur quantitativen (in diesem Fall: zeitlichen) Steigerung des absoluten Leidens bei. Willkommen in der Mitte.

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